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Der Falke und der Habicht

Niveau C1 · 362 Wörter

Der Falke und der Habicht

Vor langer Zeit lebten am Rand eines alten Waldes, durch den kühle Wasser flossen, auf den hohen Felsen zwei Raubvögel. Der eine war der weise Falke, der für seine Geduld bekannt war, der andere der ungeduldige Habicht, der sich seiner Schnelligkeit rühmte. Während der Habicht in den blauen Tiefen des Himmels schwebte, war er stolz auf seine scharfen Augen und schlug ungeduldig mit den Flügeln, um seine Beute zu fangen. Der Falke hingegen ließ sich auf einem Felsen nieder und zog es vor, seine Nahrung in Ruhe zu erwarten. Diese beiden Vögel, die Meisterjäger des Waldes, sahen das Leben und die Jagd mit ganz verschiedenen Augen. Eines Morgens, als das goldene Licht der Sonne durch die Blätter fiel, ließ sich der Habicht wieder mit hochmütiger Miene neben dem Falken nieder.

"Ei, mein Freund, wie willst du deinen Bauch füllen, wenn du so müßig herumsitzt?" fragte er spöttisch. Der Falke wandte ruhig den Kopf und antwortete: "Jedes Geschöpf wartet auf seinen eigenen Anteil, und wer eilt, verheddert sich in den eigenen Füßen." In diesem Augenblick erschien in einem entfernten Gestrüpp eine kleine Taube. Der Habicht rief: "Sieh nur, meine scharfen Augen lassen keine Beute entgehen, und nun werde ich dir meine Kraft beweisen!" Obwohl der Falke ihn zu warnen versuchte, schenkte der stolze Habicht den Warnungen kein Gehör. Mit ungeheurer Geschwindigkeit stürzte er senkrecht vom Himmel herab auf die Taube mitten im Gebüsch zu.

Doch weil die Gier ihm die Augen umnebelt hatte, bemerkte er die Falle und die feinen Drähte nicht, die der Jäger im Gebüsch verborgen hatte. Gerade als der Habicht die Taube ergreifen wollte, verfing er sich in den Drähten der sorgfältig gestellten Falle, und je mehr seine Flügel schlugen, desto enger wurde die Schlinge. Der hochmütige Vogel, der sich hilflos abmühte, empfand große Reue, als er dem Jäger zur Beute zu werden drohte. Der Falke, der alles von der hohen Klippe aus beobachtete, glitt zu seinem Freund hinab und schaffte es, den Strick der Falle mit seinem kräftigen Schnabel zu zerreißen. Der Habicht, der seine Freiheit wiedererlangte, aber verletzte Flügel hatte, hatte den Preis für seine Gier und seinen Hochmut schwer bezahlt. Von jenem Tag an lernte der Habicht, die Geduld und die Weisheit des Falken zu schätzen. Hochmut, der auf Ungeduld und Gier beruht, ist eine gefährliche Falle, die selbst die stärksten Talente ins Verderben zieht. Wer in Eile aufsteht, setzt sich in Reue nieder.