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Der Engel und der Wanderer

Niveau C1 · 355 Wörter

Der Engel und der Wanderer

Vor langer Zeit lebte am Rand eines alten Waldes, wo kühle Wasser flossen, ein weiser Wanderer, der die Geheimnisse des Lebens suchte. Mit dem Feuer der Neugier in seiner Seele zog er von Land zu Land und wollte die Augenblicke beobachten, in denen sich die göttliche Gerechtigkeit zeigte. Eines Tages, als er auf dem staubigen Pfad weiterging, begegnete er einem jungen Reisenden mit strahlendem Gesicht und ruhigem Blick. Diese beiden Fremden, die der Wunsch zu reisen verband, beschlossen, in einem tiefen Gespräch gemeinsam zu gehen. Der Wanderer spürte den Frieden, der sich ausbreitete, wenn sein junger Freund lächelte, doch er konnte sein Geheimnis nicht lösen. Gegen Abend wurden sie Gäste in der bescheidenen Hütte eines armen, aber überaus großzügigen Dorfbewohners.

Der Dorfbewohner teilte gern mit seinen Gästen die köstliche Suppe und das warme Brot, die sein einziger Besitz waren. Um Mitternacht, als alle schliefen, stand der junge Reisende plötzlich auf und steckte den alten Stall des Dorfbewohners in Brand. Obwohl der Wanderer über diese sinnlose Bosheit entsetzt war, bewahrte er auf die Mahnung seines Gefährten hin sein Schweigen. Am nächsten Tag kamen sie zum prächtigen Herrenhaus eines geizigen und grausamen Kaufmanns, der sie von der Tür verjagte. Während der Kaufmann sie beschimpfte und Steine warf, reparierte der junge Mann die Gartenmauer des Herrenhauses, die einzustürzen drohte. Der Wanderer konnte seinen Zorn nicht mehr zurückhalten und schrie laut auf, indem er sich gegen die Ungerechtigkeit auflehnte.

"Welche Logik kann es haben, dem, der Gutes tut, Unheil zu bringen und das Böse zu belohnen?" Der junge Reisende hielt inne, der Umhang auf ihm leuchtete plötzlich auf, und auf seinem Rücken erschienen mit Goldfaden bestickte Engelsflügel. "O Wanderer, du blickst nur auf das sichtbare Gesicht, ich aber kenne die Tiefe der Weisheit", sagte der Engel. Unter dem brennenden Stall des armen Mannes war ein großer Schatz verborgen, und nun wird er diesen Schatz leicht erreichen können. Unter der Mauer des geizigen Kaufmanns aber habe ich die Mauer aufgerichtet, damit ein unbezahlbarer Schatz bedeckt bleibt. Der Wanderer, der die feine Waage der Gerechtigkeit begriff, verneigte sich in tiefer Ehrfurcht, während der Engel aus dem Blick verschwand. Jedes Übel, das das menschliche Auge sieht, verbirgt hinter sich eine große Weisheit und ein Gutes. Jede Nacht hat ihren Tag, und jedes Übel hat sein Gutes.