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Der Derwisch, der seinen Diener prüfte

Niveau C1 · 384 Wörter

Der Derwisch, der seinen Diener prüfte

Es war einmal ein tugendhafter Derwisch, der in einer stillen Klause lebte, die von dichten Kiefernwäldern umarmt wurde. Dieser gebrechliche Greis wollte den Willen seines jungen Schülers Cihan prüfen, der ihm seit Jahren treu diente. Während die kühlen Winde des magischen Tales die Blätter flüstern ließen, beschloss der Derwisch endlich, dem jungen Mann eine harte Prüfung zu geben. Er nahm eine verzierte Kupferschale von seinem Holztisch und füllte sie mit einem heilenden Honig, der nach Amber duftete. Er rief seinen Schüler zu sich, sah ihn mit müden Augen an und erklärte ihm mit würdevoller Stimme das Geheimnis der Schale. "Mein Kind, bis ich zur Versammlung der Derwische gehe, musst du diese Honigschale wie deine eigenen Augen hüten", sagte der weise Greis. "Bis die Sonne aufgeht, wirst du, was auch geschehen mag, nicht einen einzigen Tropfen dieses Honigs kosten."

Der junge Mann neigte ehrfürchtig sein Haupt und versprach, das Anvertraute seines Meisters um den Preis seines Lebens zu schützen. Als die Nacht hereinbrach und die Sterne den Himmel bedeckten, begann ein köstlicher süßer Duft das Innere der Hütte zu erfüllen. Cihans Kehle war ausgetrocknet, und sein Hunger und sein Durst hatten ein unerträgliches Maß erreicht. Genau in diesem Augenblick versuchte ein geheimnisvoller Schatten, der durch das Fenster hereinglitt, den Geist des Jungen zu verführen. "Wenn du nur einen einzigen Löffel kostest, woher soll dein Meister es wissen?", flüsterte die dunkle Stimme. Cihan streckte seine Hand nach der Schale aus, doch genau in jenem Augenblick erinnerte er sich an die weisen Worte, die sein Meister über die Treue gesagt hatte. Er holte tief Luft, entfernte sich von der Schale, schloss die Augen und stellte sich geduldig ins Gebet.

Als die Morgendämmerung hinter den Bergen hervorbrach, trat der Derwisch lächelnd durch die Tür herein. Er blickte lange auf die Schale auf dem Tisch und auf das entschlossene Gesicht des Jungen, der geduldig wartete. Es stellte sich heraus, dass jener geheimnisvolle Schatten, der den Jungen in der Nacht geprüft hatte, ein Phantom war, das der Derwisch aus seinem eigenen Atem erschaffen hatte. Der weise Mann küsste seinen Schüler auf die Stirn und beglückwünschte ihn von Herzen zu seiner Treue und seinem Willen. An jenem Tag verstand Cihan, dass der größte Sieg darin besteht, die Begierden der eigenen Seele zu besiegen. Ein mit Willen und Treue gehütetes Anvertrautes ist die hellste Krone, die den Menschen zur wahren Stufe erhebt. Geduld ist zwar bitter, doch ihre Frucht ist immer süß.