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Der Bock und der Wolf

Niveau C2 · 384 Wörter

Der Bock und der Wolf

Es war einmal ein kluger Bock, der oben an einer gewaltigen Schlucht lebte, wo die hohen Felsen mit dem Wind flüsterten. Mit seinen gebogenen Hörnern und seiner stolzen Haltung glitt dieser Bock frei über die steilen Felsen und nährte sich von frischen Trieben des Thymians. Im abgelegenen Tal am Fuße des Abgrunds aber streifte ein Wolf mit hinterhältigem Blick umher, der seit Tagen hungrig war. Als die roten Strahlen der Abendsonne die Felsen erhellten, richtete der Wolf seine Augen nach oben auf den köstlichen Bock. Da er es aber nicht wagte, die steilen Felsen zu erklimmen, kam ihm ein schlauer Trick in den Sinn. Der Wolf setzte seinen liebenswürdigsten Tonfall auf, hob den Kopf und begann zu sprechen. "O stattlicher Bruder Bock, warum vergeudest du dort oben auf einem schmalen Felsen deine Zeit in der Gefahr zu stürzen?"

"Sieh nur, auf dem Grund des Tales gibt es saftiges und weiches Gras, das wie Smaragd glänzt." "Komm herunter zu mir, damit wir dieses köstliche Festmahl gemeinsam teilen; sättige deinen Bauch mit Genuss." Der Bock, der ruhig vom Rand des Felsens hinabblickte, bemerkte sofort den Funken des Hungers in den Augen des Wolfes. Der alte Bock strich sich den Bart und lächelte dem schlauen Raubtier verschmitzt zu. "Ich bin dir für dein großzügiges Angebot dankbar, mein Freund, aber ich bin nicht sicher, dass du an mich denkst", antwortete er. "Was dir den Verstand raubt, ist nicht der Geschmack des Grases, das ich fressen würde, sondern unmittelbar mein eigener Geschmack." "Du lädst mich nicht zu den Gräsern im Tal ein, sondern an den dunklen Tisch in deinem eigenen Magen."

Angesichts dieser Worte wusste der Wolf nicht, was er sagen sollte, und begriff, dass seine List nichts genützt hatte. Der hungrige Wolf, der merkte, dass er ertappt worden war, klemmte den Schwanz beschämt zwischen die Beine. Obwohl er sich mit einer letzten Hoffnung noch einmal umsah, erblickte er, dass der Bock sich nicht von seinem sicheren Platz in der Höhe rührte. Der schlaue Jäger entfernte sich still in die Tiefen des dunklen Waldes, begleitet vom Knurren seines leeren Magens. Der Bock aber kaute auf seinem steilen und sicheren Felsen ruhig weiter an den Trieben des Thymians. Dank Verstand und Vorsicht rettete der Bock an jenem Abend sein Leben und genoss zugleich seine Freiheit. Wer die verborgenen Absichten hinter süßen Worten bemerkt, bleibt möglichen Katastrophen stets fern. Der Wolf wechselt sein Fell, aber nie sein Wesen.