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Der Adler und die Krähe als Arzt

Niveau C1 · 359 Wörter

Der Adler und die Krähe als Arzt

Vor langer Zeit lebte am Rand eines alten Waldes, durch den kühle Wasser rauschend flossen, ein mächtiger Adler, der Herr der Lüfte. Der alte Adler konnte wegen der Müdigkeit der Jahre und einer schweren Krankheit, die plötzlich über ihn gekommen war, die Flügel nicht mehr schlagen. Die Bewohner des Berges, die seinen hilflosen Zustand sahen, begannen voller Sorge nach Mitteln zu suchen. Die Stimme des Windes, die in den Tiefen des Waldes widerhallte, trug die Trauer des erhabenen Herrschers bis in ferne Länder. Genau in diesem Augenblick trat eine stolze und listige Krähe hervor, die die Gelegenheit ausnutzte. Die Krähe gab sich als unvergleichlicher Arzt aus und behauptete, sie könne den Gebieter der Lüfte heilen.

Dieser Vogel, dessen schwarze Federn ausgefallen waren, dessen Flügel zerzaust waren und dessen Bein hinkte, begann, den Umstehenden große Versprechungen zuzuwerfen. "Ich bin hinter das Geheimnis der geheimnisvollen Kräuter gekommen und heile selbst die unbarmherzigsten Leiden im Nu", prahlte sie. Die anderen Tiere, die unschlüssig blieben, traten zurück und schöpften vor diesen kühnen Worten einen Augenblick lang Hoffnung. Stolz einherschreitend glitt die listige Krähe zum Horst des mächtigen Adlers und bot ihm ihre Heilkunst an. "O erhabener Adler, erlaube mir, dich mit meinen heilenden Rezepten zu deiner alten Kraft zurückzubringen", sagte sie. Der Adler, der matt in seinem Lager lag, musterte diesen elenden Arzt vor sich lange mit seinen scharfen Augen.

Aufmerksam betrachtete er die ausfallenden Federn der Krähe, ihre zitternde Stimme und ihren eigenen jämmerlichen Zustand. Mit einem tiefen Seufzer blickte der mächtige Adler die Krähe mit einem bitteren, doch lehrreichen Lächeln an. "Wenn du Wunder in der Hand hältst, die jedes Leiden heilen, warum hast du dann nicht zuerst dein eigenes lahmes Bein und deine ausfallenden Federn geheilt?", fragte er. Vor dieser scharfen Frage wusste die listige Krähe nicht, was sie sagen sollte, und war mit einem Schlag völlig verwirrt. Der falsche Arzt, dessen Lüge ans Licht gekommen war, senkte vor Scham den Kopf und entfernte sich eilig von dort. Der Adler aber begriff einmal mehr, dass die wahre Heilung nicht in falschen Versprechungen liegt, sondern im Lauf der Natur und der Zeit. Man darf nie vergessen, dass jene, die für ihr eigenes Leiden kein Heilmittel finden, anderen keine Heilung schenken können. Ein Großvater, der selbst der Hilfe bedarf, kann kaum einem anderen Hilfe geben.