Der Adler, der Falke und die Tauben
Vor langer Zeit lebten unter einem tiefblauen Himmel, unter dem silberne Flüsse dahinglitten, friedliche Tauben. Diese zarten Vögel bauten ihre Nester auf den hohen Felsen des grünen Tals und schwebten still für sich dahin. Doch dieses ruhige Leben wurde oft vom Schatten des scharfäugigen Adlers verdunkelt, des erbarmungslosen Herrn des Himmels. Sobald er die Gelegenheit fand, stieß der Adler wie ein Blitz vom Himmel herab und jagte die unglücklichen Tauben ohne Gnade. Die armen Tauben, die in ständiger Furcht lebten, begannen nach Mitteln zu suchen, dieser großen Bedrohung zu entkommen. Die Versammlung der Tauben trat zusammen und beschloss einstimmig, bei dem flinken Habicht Zuflucht zu suchen, einem anderen Räuber des Himmels.
Sie gingen zu dem hohen gespaltenen Felsen, auf dem der Habicht wohnte, und boten ihm eine glänzende Krone und die unumschränkte Herrschaft an. "O großer Habicht, wenn du uns vor den Klauen des stolzen Adlers schützt, rufen wir dich zu unserem gerechten Herrscher aus", sagten sie. Als der listige Habicht dieses verlockende Angebot hörte, freute er sich insgeheim und nahm die Aufgabe des Schutzes sofort an. Der neue König, der mit großen Zeremonien den Thron bestieg, ließ sich als Erstes mitten in den sicheren Nestern der Tauben nieder. Doch schon bald errichtete der Habicht unter dem Vorwand des Schutzes eine schreckliche Gewaltherrschaft über die armen Tauben. Während der Adler sich hin und wieder mit einer einzigen Beute begnügte, machte der neue König jeden Tag mehrere Tauben zu seinem Festmahl.
Die hilflosen Vögel begriffen mit Entsetzen, dass der Herrscher, den sie als Zuflucht gewählt hatten, in Wahrheit ein weit zerstörerischeres Unglück war als der Adler. Eine alte Taube, deren Artgenossen vor ihren Augen dahinschwanden, entkam den Klauen des Habichts und schrie auf. "Während wir vor einer einzigen Bedrohung des Adlers flohen, haben wir uns aus eigenem Willen eine viel grausamere Plage aufgeladen", weinte sie. Die Tauben, die ihre Freiheit und ihren Frieden am Himmel ganz verloren hatten, blieben mit dieser bedrückenden Enttäuschung allein. Der Habicht aber, der sein Volk mit seiner eigenen Gier und seinem Appetit aufzehrte, blieb am Ende ganz allein auf den leeren Felsen zurück. Bei einem größeren Tyrannen Zuflucht zu suchen, um einer Gefahr zu entkommen, führt zu Unglücken, die nicht wiedergutzumachen sind. Vom Regen in die Traufe.