Der Adler, der Falke und der Kranich
Es war einmal am Rand eines alten Waldes, in dem kühle Wasser flossen, ein Adler, der behauptete, der Herrscher des Himmels zu sein. Wenn dieser Adler seine stolzen Flügel schlug, ließ er die Winde hinter sich und blickte von oben mit hochmütigen Augen auf das schattenreiche Tal. Auf dem Gipfel derselben hohen Berge aber herrschte ein kühner, flinker und recht ehrgeiziger Falke. Die beiden Raubvögel prahlten in ihrer Sucht, der einzige Gebieter der Lüfte zu sein, ständig voreinander und maßen ihre Kräfte. Im Schilf am Ufer des Sees jedoch lebte ein anmutiger und weiser Kranich in Frieden, still und für sich. Als die goldenen Strahlen der Sonne auf den See fielen, ließen sich der Adler und der Falke im selben Augenblick auf einem hohen Felsen nieder.
Der Adler blähte seine Brust auf und rief mit lauter Stimme, dass nur er über dieses weite Tal herrschen könne. Der Falke aber richtete seinen scharfen Blick auf den Adler und sagte zornig, dieser sei alt geworden und könne niemals schneller sein als er. Genau in diesem Augenblick bemerkten sie den anmutigen Kranich, der in den seichten Gewässern des Sees Fische fing. Der Falke forderte den Adler frech heraus und erklärte, wer den Kranich zuerst fange, gelte als der wahre Herrscher des Himmels. Der Adler konnte diese Herausforderung seinem Stolz nicht verzeihen, nahm das Angebot ohne jedes Nachdenken an und schritt sogleich zur Tat. Obwohl der Kranich die gefährlichen Schatten spürte, die über ihm kreisten, zog er sich ins Schilf zurück, ohne seine Ruhe zu verlieren.
Die beiden Raubvögel, denen der Ehrgeiz den Kopf verdrehte, hefteten sich an ihre Beute und stürzten im selben Augenblick kopfüber hinab. Vom Ehrgeiz geblendet, einander zu überholen, konnten der Adler und der Falke ihre Geschwindigkeit nicht bremsen und stießen in der Luft heftig zusammen. Die hochmütigen Vögel, die die Beherrschung verloren hatten, fielen hart zwischen die dichten und scharfen Zweige des Schilfs. Die beiden ehrgeizigen Jäger, deren Flügel sich ineinander verfingen und in den Zweigen stecken blieben, begannen hilflos zu flattern. Der weise Kranich aber schlug mit tiefer Anmut die Flügel, schwebte in den Himmel empor und entfernte sich von der Gefahr. Die Jäger, die wegen ihrer Gier in die Falle gerieten, verloren nicht nur ihre Beute, sondern auch ihre Freiheit. Blinder Ehrgeiz und Hochmut lassen selbst die Stärksten in die Grube fallen, die sie selbst gegraben haben. Wer im Zorn aufsteht, setzt sich mit Schaden wieder hin.