Alle Geschichten

Das Zicklein und der Wolf

Niveau C1 · 342 Wörter

Das Zicklein und der Wolf

Es war einmal, in einem bezaubernden Bergdorf, in dem die kühlen Wasser gemächlich dahinflossen, ein liebes kleines Zicklein. Dieses kleine Zicklein verbrachte die meiste Zeit damit, über die steilen Klippen zu springen und das frischeste Gras zu kauen. Bekannt war es jedoch weniger für seinen Mut als für seine Neugier und sein etwas arrogantes Auftreten. Eines Nachmittags, als die Sonne wie ein purpurner Schleier hinter den hohen Klippen versank, kletterte das Zicklein auf die Spitze eines steilen Daches. Das Tal aus dieser Höhe zu betrachten erfüllte sein winziges Herz mit einem seltsamen Stolz und einem seltsamen Ehrgeiz. Gerade da begann ein listiger und hungriger Wolf, der aus den Tiefen des Tales kam, mit schweren Schritten unter dem Dach vorbeizugehen. Als das Zicklein den mächtigen Schatten des Wolfes sah, fasste es plötzlich Mut, im Vertrauen auf die Höhe seines Standortes.

Es reckte die Brust, blickte auf den Wolf hinab und begann mit unverschämt spöttischer Miene zu rufen. „He, du schrecklicher Jäger des Waldes! Wollen wir sehen, ob du mir entkommen kannst!“ rief es. Der Wolf hielt bei dieser unverschämten Stimme inne und hob den Kopf. Das Zicklein spottete weiter und prahlte: „Du plumpes Geschöpf, du kannst mich nun nie mehr erreichen!“ Diese schweren Beleidigungen, die durch das Tal hallten, entzündeten einen verschlagenen Funken in den scharfen Augen des Wolfes. Doch der erfahrene Wolf wurde nicht im Geringsten zornig, holte tief Luft und antwortete mit ruhiger Stimme. Der Wolf blickte das Zicklein an, das stolz auf dem hohen Dach stand, und lächelte bitter.

„Nicht du bist es, der mich so dreist anschreit, kleines Zicklein“, sagte er ruhig. „Das Einzige, was dich so kühn macht, ist jenes hohe Dach unter deinen Füßen“, fügte er hinzu. Der Mut der Feiglinge, die sich hinter einem sicheren Unterschlupf verstecken, ist nichts als eine Illusion. Nach diesen weisen Worten wandte sich der Wolf um und verschwand lautlos in den Tiefen des Tales. Das Zicklein aber, das allein in der Höhe zurückblieb, begriff seinen Fehler und verstummte beschämt. Wahrer Mut heißt, der Gefahr unmittelbar standzuhalten, und nicht, sich hinter der Höhe zu verstecken, in die man sich flüchtet. Auf seinem eigenen Mist kräht jeder Hahn.