Das stolze Pferd
Vor langer Zeit lebte in einem weiten Tal voller duftender Blumen ein hochmütiges Pferd. Dieses Pferd war stolz auf seinen goldenen Schmuck und seinen seidenen Sattel und begegnete den Tieren ringsum stets mit Verachtung. Sein Herr führte es an vergoldeten Zügeln umher, und jeder im Tal betrachtete seine Schönheit mit Neid. Auf demselben Hof lebte auch ein bescheidener Esel, der vom ersten Licht des Morgens bis in die Nacht ohne Unterlass arbeitete. Jeden Tag trug der Esel schwere Säcke voll Holz und ging seinen Weg, ohne sich jemals zu beklagen. An einem heißen Sommertag begegnete das hochmütige Pferd auf einem schmalen Pfad dem Esel, der eine schwere Last trug. Als der Esel, dem vor Müdigkeit die Knie zitterten, etwas zu spät an den Rand des Weges trat, wieherte das Pferd zornig.
Das Pferd reckte stolz das Kinn und musterte den Esel mit hochmütigen Augen. "Weg da, du elendes Geschöpf, sonst zertrete ich dich mit meinen kräftigen Hufen!", rief es. Der verblüffte Esel trat schweigend zur Seite und antwortete auf diese frechen Worte nur mit einem tiefen Seufzer. Das Pferd aber schritt stolz weiter, schwang seinen prächtigen Sattel und spottete weiter über die Armut des Esels. Monate vergingen, und an einem kalten Wintertag mit scharfem Wind erlitt das hochmütige Pferd einen unglücklichen Unfall. Sein Herr nahm dem Pferd, das nun lahm war und nicht mehr schnell laufen konnte, den prächtigen Sattel vom Rücken. Für schwere Arbeit verkauft, musste das Pferd nun die Mistsäcke der Dorfbewohner tragen.
Das Pferd, das seine glanzvollen Tage verloren hatte, ging mit gebeugten Knien mühsam über die staubigen Wege. Als es eines Tages auf dem Pfad seinem alten Gefährten, dem Esel, wieder begegnete, senkte es beschämt den Kopf. Der Esel sah das einst so stolze Pferd unter der Last gebeugt und schüttelte traurig den Kopf. "Siehst du", sagte der Esel, "die schweren Lasten, die du einst verachtet hast, liegen jetzt auf deinem eigenen Rücken." Das hochmütige Pferd hatte endlich begriffen, dass Reichtum und Stärke vergänglich sind, doch nun war es zu spät. Die Wandlungen des Lebens lehren jedes prahlerische Herz am Ende die Bescheidenheit. Iss einen großen Bissen, aber sprich kein großes Wort.