Das Schaf, der Hund und der Wolf
Es war einmal am Rande eines alten Waldes, wo kühle Wasser flossen, ein sanftes Schaf. Mit seinem weichen, schneeweißen Vlies hatte dieses Schaf die Liebe und Achtung aller Tiere ringsum gewonnen. Auf den weiten Wiesen beim Dorf graste es jeden Tag in Ruhe und sang fröhlich Lieder. Doch ein listiger Hund, der in derselben Gegend lebte, beneidete das Schaf immer um sein friedliches Leben. Der Hund beschloss, einen hinterhältigen Plan zu schmieden, um dem unschuldigen Schaf sein Gut mit Gewalt zu nehmen. An einem sonnigen Nachmittag setzte sich der Hund neben das weidende Schaf und begann laut zu schreien. "Den Laib Brot, den du dir letzten Monat von mir geliehen hast, hast du immer noch nicht zurückgegeben!", verleumdete er es.
Das arme Schaf verteidigte sich erstaunt: "Ich habe dich nie um Brot gebeten!" Doch der böswillige Hund rief den grausamen Wolf, der nie gerecht handelte, als falschen Zeugen herbei. Der Wolf kam aus der Tiefe des Waldes, zeigte seine scharfen Zähne und trat mit furchterregender Miene vor. Der Wolf grinste und sagte: "Ja, ich war an jenem Tag dort und habe selbst gesehen, wie das Schaf das Brot nahm." Das Schaf sah hilflos die Umstehenden an, doch niemand wagte gegen dieses gefährliche Bündnis ein Wort. Das Schaf musste sich dem ungerechten Urteil fügen und übergab seinen Wintervorrat diesen beiden gierigen Tieren. Der Hund und der Wolf teilten den köstlichen Vorrat stolz untereinander, weil sie das unschuldige Schaf betrogen hatten.
Einige Wochen vergingen, und als eisige Winterwinde den Wald bedeckten, änderten sich die Dinge. Der hungrige, grausame Wolf geriet in das Netz der Jäger, die eine Falle gestellt hatten, und wurde in einer tiefen Grube gefangen. Kurz darauf wurde auch der listige Hund von den Dorfbewohnern aus der Herde vertrieben und zur Einsamkeit verurteilt. Sicher in seinem eigenen warmen Nest sitzend, sah das Schaf von fern das traurige Ende derer, die Unrecht getan hatten. Die wahre Gerechtigkeit hatte sich früher oder später erfüllt, und die Unschuld hatte wieder gesiegt. Unrechter Gewinn, der mit Lügen erworben wird, bringt seinem Besitzer niemals Glück und Segen. Die Kerze des Lügners brennt nur bis zum Abend.