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Das Recht zu trauern

Niveau B2 · 340 Wörter

Das Recht zu trauern

Es war einmal am Rande eines alten Waldes, in dem kühles Wasser floss, ein alter Glasmacher und seine Enkelin. Der alte Mann machte wunderschöne Vögel aus transparentem Glas, und seine Enkelin Nisa sang diesen zarten Statuen schöne Lieder vor. Ein echter Nachtigall mit goldenen Flügeln, der in ihrer Hütte lebte, flüsterte ihnen jeden Morgen fröhliche Melodien zu. Doch an einem kalten Wintermorgen fiel dieser geliebte Nachtigall in einen unendlichen Schlaf. Das Herz der kleinen Nisa füllte sich mit einem tiefen Schmerz, und warme Tränen begannen aus ihren Augen zu fließen.

In diesem Moment kam der Hauptmann der Palastwache, um die für das Fest des Königs bestellten Glasvögel abzuholen. Als er das weinende kleine Mädchen sah, runzelte er die Stirn und sprach mit harter Stimme. "In unserem Land ist es verboten, Traurigkeit zu empfinden, du musst diese Tränen sofort abwischen!" Nisa versuchte ihre Tränen zu verbergen, aber der große Schmerz in ihrem Herzen saß wie ein Knoten in ihrer Kehle. Der alte Glasmacher trat vor, umarmte seine Enkelin und stand aufrecht vor der Wache. "Um etwas zu trauern, das man liebt und verliert, ist keine Schwäche, sondern das natürlichste Recht des Liebenkönnens", sagte der weise Meister.

Die Wache rief verärgert: "Nur die Schwachen weinen, während die Starken immer lächeln!" Der alte Mann antwortete ruhig: "Ein Herz, das nicht weinen kann, ist wie kaltes Glas, das keine Wärme spürt." "Eine Seele, der das Recht verwehrt wird, den inneren Schmerz zu erleben, ist dazu verdammt, mit der Zeit zu versteinern." Während die Worte des weisen Meisters in der Holzwerkstatt widerhallten, erstarrte der Hauptmann für einen Moment. Als er sich an einen alten Freund erinnerte, den er vor Jahren verloren hatte, wurde das gehärtete Herz der Wache plötzlich weich.

Er senkte langsam seinen Speer auf den Boden, warf dem kleinen Mädchen einen verständnisvollen Blick zu und ging leise hinaus. Nisa umarmte ihren Großvater fest und ließ die Trauer in sich frei herausfließen. Während aufrichtige Tränen flossen, erstrahlte die Erinnerung an den geliebten Nachtigall noch heller in ihrem Herzen. Wahre Trauer ist die tiefste und respektabelste Spur, die die Liebe im Herzen hinterlässt. Der Kummer lässt weinen, die Liebe lässt singen.