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Das Pferd, der Löwe und die Ziegen

Niveau C1 · 390 Wörter

Das Pferd, der Löwe und die Ziegen

Vor langer Zeit graste am Fuße eines gewaltigen Tals, in dem reiche Quellen rauschten, ein altes und weises Pferd. Auf diesem fruchtbaren Boden sprangen auch neugierige Ziegen, die die steilen Felsen erklommen, fröhlich umher. Ein listiger Löwe aber, der tief im Wald lebte, hatte dieses wohlgenährte Pferd schon lange im Auge. Da der Löwe begriff, dass seine Muskelkraft gegen die Schnelligkeit des Pferdes, dessen Mähne im Wind wehte, nicht ausreichen würde, beschloss er, seinen Verstand zu gebrauchen. Er schlich aus den Büschen, in denen er sich verborgen hielt, und schritt fast wie ein Freund auf die offene Fläche zu. Mit süßer Stimme näherte sich der Löwe dem Pferd und begann von den heilsamen Kräutern auf der anderen Seite des Tals zu sprechen. "Mein lieber Freund, verschwende deine Zeit nicht auf dieser vertrocknenden Wiese; ich zeige dir, wo viel süßeres Gras wächst", sagte er.

Das Pferd bemerkte den Hunger in den Augen des Löwen und sein hinterhältiges Lächeln und wurde sogleich wachsam. Unterdessen hatten die aufgeweckten Ziegen, die das Geschehen von den steilen Felsen oben beobachteten, die Absicht des Löwen durchschaut. Eine der Ziegen rief hinunter und schrie: "Folge ihm ja nicht, er ist ein Jäger!" Zwar blickte der Löwe zornig zu den Felsen, doch er ließ sich nichts anmerken und sprach mit der Miene eines fürsorglichen Arztes weiter. "Ich bin nur ein weiser Freund, der an deine Gesundheit und dein Wohlbefinden denkt", sagte er und trat einen Schritt näher. Das kluge Pferd hob leicht seinen Huf und ersann einen Plan, der die falsche Absicht des Löwen vollkommen zunichtemachen würde. Das Pferd bewahrte seine Ruhe, klagte über einen eingebildeten Dorn in seinem Hinterhuf und bat um Hilfe.

"Wenn du ein solcher Freund bist, so zieh mir zuerst diesen schmerzenden Dorn aus dem Fuß", sagte es. Der ahnungslose Löwe, der glaubte, seinen Bissen mühelos zu erlangen, trat hinter das Pferd, um den Dorn herauszuziehen. Genau in dem Augenblick, als er sich bückte, schlug das Pferd mit aller Kraft aus und traf den hinterlistigen Löwen hart am Kiefer. Während das verdutzte Raubtier vor Schmerz zurückwich, jagte das Pferd im Galopp davon und lief seiner Freiheit entgegen. Die Ziegen auf den Felsen aber betrachteten mit lautem Gelächter den jämmerlichen Zustand, in den der listige Löwe geraten war. Einsichtige Geschöpfe, die sich von den süßen Worten und der falschen Freundschaft des Feindes nicht täuschen lassen, sind immer vor Gefahr geschützt. Die Kerze des Lügners brennt nur bis zum Abend.