Das höfliche Pferd
Vor langer Zeit lebte am Rand eines alten Waldes, durch den kühle Wasser flossen, ein höfliches Pferd, dessen geschecktes Fell glänzte. Dieses freundliche Pferd half überaus gern allen Wesen in seiner Umgebung und schlug keine einzige Bitte aus. Die Bewohner des Waldes sagten, es besitze ein Herz so weich wie Watte und eine Geduld, die niemals versiegte. Jeden Morgen glitt es über die reifbedeckten Wiesen und lächelte jedem Lebewesen, dem es begegnete, freundlich zu. Doch dieses großzügige und höfliche Wesen sollte schon bald auf eine harte Probe gestellt werden. Eines Tages, als die Sonne zum Gipfel stieg, wollte ein winziges, vor Erschöpfung entkräftetes Kaninchen auf seinen Rücken klettern. Fröhlich wiehernd antwortete das höfliche Pferd: "Aber gewiss, mein kleiner Freund, mein Rücken ist breit, du kannst es dir bequem machen."
Wenige Schritte später kam ein alter und schlauer Fuchs daher, der nur mühsam auf dem Weg vorankam. Als der Fuchs mit süßen Worten darum bat, nahm das Pferd auch ihn bereitwillig auf seinen Rücken. Dann versperrte ihnen ein riesiger Bär den Weg, der einen schweren Korb voller Früchte trug. Mit selbstsüchtiger Miene befahl der Bär: "Du musst mich und diesen Korb ebenfalls tragen." Da das Pferd niemanden kränken wollte, nahm es diese schwere Last bereitwillig auf sich, obwohl ihm die Knie zitterten. Je weiter sie kamen, desto mehr Reisende saßen auf seinem Rücken, und alle schalten das Pferd, damit es schneller liefe. Als sie an das Ufer eines reißenden Baches gelangten, rutschte das Pferd wegen der schweren Last auf den nassen Steinen aus.
Die Reisenden auf seinem Rücken schrien vor Angst, doch statt den Schmerz des Pferdes zu begreifen, dachten sie nur an ihre eigene Bequemlichkeit. Zum ersten Mal blieb das höfliche Pferd stehen und wandte sich mit sanfter, aber entschlossener Stimme an sie alle. "Ich möchte euch gern helfen, doch diese schwere Last, die meine Grenzen übersteigt, führt uns alle ins Verderben", sagte es. Das Pferd beugte sich behutsam, ließ sie alle von seinem Rücken steigen und brachte sie dazu, auf eigenen Füßen zu gehen. Beschämt über ihr selbstsüchtiges Verhalten neigten die Reisenden ehrfürchtig ihre Köpfe vor dem Pferd. Beim Erweisen von Freundlichkeit gegenüber anderen die eigenen Grenzen zu wahren, ist der erste Schritt zu wahrer Weisheit. Wer Gutes tut, findet Gutes.