Das Gespräch von Hahn und Pferd
Es war einmal ein stolzer Hahn und ein treues altes Pferd, die im Hof eines weiten Bauernhofs lebten, der mit prächtigen Blumen geschmückt war. Der Besitzer dieses Hofes war ein Mann von schwachem Charakter, der sich vor allem fürchtete und sich jedem Wort seiner Frau beugte. Als die Sonne sank und die Schatten länger wurden, kamen die beiden alten Tiere in der verborgenen Ecke der Scheune nebeneinander. Als die Kühle des Abends hereinbrach, senkte der Schimmel mit einem tiefen Seufzer der Müdigkeit den Kopf zu Boden. Der Hahn aber setzte sich auf einen hohen Zaun und begann, mit scharfen Augen die Umgebung zu mustern. Der Schimmel sah den Hahn an, der sein Gefieder sträubte, und sprach seine Traurigkeit aus. "Von morgens bis abends ziehe ich die schweren Lasten unseres Herrn, doch er missgönnt mir sogar ein freundliches Wort", sagte er.
Zudem fügte er hinzu, dass er tiefe Scham empfinde, weil der Mann sich zu Hause selbst in der kleinsten Sache seiner Frau beuge und jammere. Der Hahn krähte hochmütig und schüttelte seinen roten Kamm, und er antwortete dem Schimmel. "Unser Herr ist leider ein Mann, der völlig unfähig ist, in seinem eigenen Haus Ordnung und Disziplin zu halten", sagte er. "Sieh mich an, ich habe volle dreißig Damen, und alle gehorchen auf ein einziges Zeichen von mir", prahlte er. "Wenn eine Gattin ihre eigene Verantwortung vergisst, muss man sie entschlossen daran erinnern, bei wem die Autorität liegt", fuhr er fort. In diesem Augenblick hörte der Bauer, der ihnen heimlich aus dem Garten zuhörte, diese Worte des Hahns und war tief erschüttert. Die eigene Schwäche und Feigheit aus dem Mund dieses kleinen Vogels zu hören, lastete sehr schwer auf dem Stolz des Mannes.
Der Mann zog aus der weisen und entschlossenen Haltung des Hahns eine große Lehre für sich. In jenem Augenblick beschloss er, sich der Verantwortung zu stellen, die er jahrelang gemieden hatte, und dem ungerechten Chaos in seinem Haus ein Ende zu setzen. Zuerst ging er in den Pferdestall, legte dem Schimmel frisches Heu vor und streichelte den Kopf des treuen Tieres. Dann trat er in sein Haus und erklärte offen, dass er von nun an ein gerechtes und starkes Familienoberhaupt sein werde. Von jenem Tag an fanden die Tiere auf dem Hof den Wert, den sie verdienten, und im Haus kehrte der Frieden zurück. Wer in seinem eigenen Haus keine Ordnung halten kann, kann andere nicht führen. Das Pferd wiehert nach seinem Herrn.