Das Begräbnis des Wolfes
Es war einmal, jenseits der sattgrünen Täler, ein bezaubernder Wald, den mächtige Eichen beschatteten. Die unschuldigen Bewohner dieses Waldes lebten seit Jahren aus Furcht vor einem grausamen und schlauen Wolf im Schatten. An einem Herbsttag, an dem der Wind kalt wehte, ersann der alte Wolf, der nicht mehr jagen konnte, einen heimtückischen Plan. Indem er sich tot stellte, wollte er die arglosen Tiere zu sich locken und mühelos erbeuten. Der Schlaue Fuchs, der betrügerische Freund des Wolfes, stieg mitten im Wald auf einen hohen Felsen und rief. "Hört her, ihr Leute, große Neuigkeit, der Wolf, der Herr des Waldes, ist tot und wartet auf einen letzten Abschied!" Die Schafe, die Hasen und die Ziegen, die diese unerwartete Nachricht hörten, versammelten sich verwundert vor der Höhle.
Zwischen Furcht und Neugier gefangen, näherten sich die Tiere mit langsamen und scheuen Schritten dem liegenden Wolf. Obwohl alle eine falsche Trauer zur Schau stellten, empfanden sie innerlich eine große Erleichterung. "Wir müssen unserem langjährigen Nachbarn ein prächtiges Begräbnis ausrichten", sagte die Alte Ziege und blickte misstrauisch. Der Wolf aber hielt die Augen fest geschlossen und wartete ungeduldig darauf, dass seine Beute noch ein wenig näher kam. Dem betrügerischen Untier knurrte der Magen vor Hunger, und es konnte sich kaum beherrschen, um regungslos liegen zu bleiben. Gerade als ein argloses Lamm sich hinunterbeugen wollte, um ihm ins Gesicht zu sehen, fasste die Weise Ziege es am Arm und zog es zurück. "Haltet ein, meine Freunde, ich habe noch nie einen Toten gesehen, der atmet und dessen Schnurrbart zittert!", rief sie.
Die anderen Tiere, die diese Worte hörten, schauten genau hin und bemerkten, dass das Augenlid des Wolfes zuckte. "Da dieser Tote noch nicht erkaltet ist, kommt, lasst uns ihn lebendig verbrennen, damit er Frieden findet!", rief die Ziege. Der heimtückische Wolf, der begriff, dass er gefasst und verbrannt würde, sprang knurrend plötzlich auf. Doch das Untier, dessen Falle gescheitert war, konnte keines der flinken Tiere fangen, die ins Gebüsch flohen. Das prächtige Begräbnis verwandelte sich im Nu in ein fröhliches Siegesfest. Der heimtückische Wolf aber, hungrig und beschämt, schloss sich in seiner Höhle ein und blieb mit seiner Scham allein. Fallen, die in böser Absicht gestellt werden, sind stets dazu verurteilt, sich um die Füße dessen zu wickeln, der sie gestellt hat. Lügen haben kurze Beine.