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Äsop und sein Herr

Niveau B2 · 375 Wörter

Äsop und sein Herr

Es war einmal in einer alten ägäischen Stadt, wo die Sonne die duftenden Obstgärten wärmte, ein kluger Sklave namens Äsop. Äsop war ein weiser Mann, der mit seinem scharfen Verstand und seinen sanften, freundlichen Worten die Liebe aller gewann. Sein Herr war ein reicher und gutherziger Kaufmann, doch er litt unter seiner hochmütigen Frau, die ständig nörgelte. Diese hochmütige Dame mochte niemanden im Haus und schimpfte ohne Gnade mit den Menschen um sie herum. Der Frieden des Hauses schwand Tag für Tag, und selbst der fröhliche Vogelgesang im Garten erstickte in dieser düsteren Luft. An einem heißen Sommertag stellte sich die Dame vor den Spiegel und begann, ihren Zorn ohne Grund an den Dienern auszulassen. „Ihr könnt keine einzige Aufgabe richtig erledigen“, schrie sie, und das ganze Haus geriet in Aufruhr.

Der hilflose Kaufmann wusste nicht, was er tun sollte, und suchte mit einem tiefen Seufzer nach Hilfe. Als Äsop seinen Herrn so traurig sah, trat er leise näher und begann zu sprechen. „Mein Herr, gebt mir die Erlaubnis, Euren Kummer zu lindern und das Herz unserer Herrin zu erweichen“, sagte er. Als der Kaufmann nickte und zustimmte, nahm Äsop ein hässliches, krummes Stück Holz in die Hand. Äsop trat vor die Dame und reichte ihr dieses Stück Holz so sorgfältig wie eine Schmuckschatulle. Die hochmütige Dame blickte erstaunt und fragte: „Was willst du mir mit diesem wertlosen Stück Holz sagen?“ Äsop lächelte und antwortete: „Auch wenn es außen rau aussieht, backt dieses besondere Holz im Ofen das köstlichste Brot.“

„Und wozu taugt ein schönes Messer aus Gold, wenn seine scharfe Schneide nur verletzt?“, fügte er hinzu. Vor diesen tiefen Worten Äsops hielt die Dame einen Augenblick inne und empfand tiefe Scham. Zum ersten Mal verstand sie klar ihr eigenes verletzendes Verhalten und den Schaden, den sie den Menschen zugefügt hatte. Von jenem Tag an legte sie ihren Stolz beiseite und begann, den Dienern und ihrem Mann ein freundliches Gesicht zu zeigen. Die düstere Stimmung des Hauses verflog, und alle im Haus waren wieder voller Frieden und Freude. Der Kaufmann aber war seinem treuen und weisen Sklaven Äsop dankbar und empfand grenzenlose Achtung für ihn. Die wahre Schönheit eines Menschen liegt nicht im Aussehen oder im Titel, sondern in der Freundlichkeit und den sanften Worten, die er um sich verbreitet. Ein freundliches Wort lockt die Schlange aus ihrem Loch.