Alle Geschichten

Äsop und der unhöfliche Mann

Niveau B2 · 327 Wörter

Äsop und der unhöfliche Mann

Es war einmal in einer alten Kleinstadt, berühmt für ihre nach Linde duftenden Gassen, da lebte der weise Äsop. Äsop erzählte den Menschen um sich herum kleine Geschichten voll tiefer Bedeutung und suchte ihren Horizont zu weiten. Doch in den dunklen Nebengassen der Stadt trieb sich ein grober Mann ohne Anstand herum, der alle belästigte. Dieser Mann hatte großes Vergnügen daran, die Leute um sich anzupöbeln und Schwache zu verspotten. Eines Tages ging der weise Äsop still für sich auf einem engen, mit Steinen gepflasterten Weg. Als der grobe Mann Äsop sah, hob er einen spitzen Stein vom Boden auf und warf ihn ohne Zögern nach dem Weisen. Der Stein traf Äsops Bein, und der weise Schriftsteller zuckte vor tiefem Schmerz zusammen.

Dennoch blieb Äsop ruhig stehen und holte, statt zornig zu werden, eine Silbermünze aus seiner Tasche. Er hielt dem Mann die Münze hin und begann mit einem aufrichtigen Lächeln im Gesicht zu sprechen. "Du hast diese kleine Belohnung verdient, weil du dir die Mühe gemacht hast, mich zu bewerfen, mein Freund", sagte er. Während der Mann erstaunt das Geld nahm, sprach Äsop sogleich weiter. "Aber mein Geld ist wenig; ich kann dir keine so große Belohnung geben, wie du sie verdienst", fügte er hinzu. "Siehst du dort drüben den reichen und mächtigen Feldherrn in seiner prächtigen Rüstung gehen?", fragte er. "Wenn du auch nach ihm einen Stein wirfst, gibt er dir eine Handvoll Gold", sagte er.

Der gierige und unkluge Mann glaubte diesen Worten und fand sogleich einen weiteren riesigen Stein. Er lief voller Gier und schleuderte den harten Stein an den Kopf des mächtigen Feldherrn, der über die Straße ging. Der Feldherr bebte vor großem Zorn und gab seinen Wachen sofort den Befehl. Die strengen Wachen packten den groben Mann, warfen ihn in den Kerker und gaben ihm eine schwere Strafe. So bezahlte der grobe Mann bitter für die Unverschämtheit, die er begangen hatte. Unbedacht getane Bosheit reißt ihren Urheber früher oder später in ein großes Unglück. Wer Wind sät, wird Sturm ernten.